Thesen zur Kulurhauptstadt-Bewerbung Dresden

In Dresden wurde viel Geld in die bauliche Infrastruktur investiert, der öffentliche Raum aufgehübscht, um ihn dann Schlagern, Kommerz und guter Laune zu überlassen. Als die Demonstrationen von Wutbürgern das Herz von Dresden überrollten, da waren Künstler willkommen, um im öffentlichen Raum die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken.

Politische Visionen haben eine Haltbarkeitsdauer von 48 Stunden, Großprojekte laufen aus dem Ruder, Lobbypolitik ersetzt soziale Gerechtigkeit, den Wutbürgern steigt die Aggression in den Hals, der öffentliche Raum avanciert zum Kampfplatz – dagegen vermögen die Kreativen die Wut zu dressieren und umzuwandeln.

Kunst ist ungerecht – ein Kampffeld des Überlebens – ein Ort der gesellschaftlichen Abgrenzung. Verschiedene Szenen stärken hier Ihre Identitäten, indem sie die Unterschiede zu anderen betonen. OSTEN und von HIER: das ist in Dresden nichts Wert, stattdessen wird mit bedeutenden Persönlichkeiten gepunktet. International angesagte Kunstpositionen werden präsentiert als prachtvolle Scheinheiligkeit der Kunstwelt, die sich mit ihren Inszenierungen der Bedeutsamkeit als kreative Klasse gegenseitig ihre Werte bestätigen.

Für die Bewerbung Dresdens engagieren sich auf Einladung des Oberbürgermeisters im Kuratorium etwa 30 Persönlichkeiten aus Kunst, Kultur, Lehre und Forschung sowie Wissenschaft und Wirtschaft. Darunter u. a. Prof. Thomas de Maizière, Bundesminister a. D., Gerhard R. Baum, Bundesminister a.D., Hans-Heinrich Grosse-Brockhoff, Ministerpräsident a.D., der Rektor der Technischen Universität Dresden, Prof. Hans Müller-Steinhagen, Sänger Roland Kaiser, die Generaldirektorin der Staatlichen Kunstsammlungen, Prof. Marion Ackermann, Dr. Anthony Hyman, Direktor des Max-Planck-Institutes für Zellbiologie und Genetik, Prof. Hubert Lakner, Institutsleiter des Fraunhofer-Instituts für Photonische Mikrosysteme sowie Christian Thielemann, Chefdirigent der Sächsischen Staatskapelle und Adriana Kràcova, Primatorin von Prag.

Ja diese Persönlichkeiten können in ihren Sparten erfolgreich sein, aber im öffentlichen Raum hat man von ihnen noch nicht viel erlebt. Die Ausrichter möchten mit Bürgerbeteiligung als Alibi punkten, die Ideen werden abgesaugt, um die Beteiligten dann an den Rand zu schieben. – Bürgerbeteiligung wird so zu Kulturwashing.

Dresden hat das größte Strassenfest in Deutschland, hat erfolgreiche Veranstalter, davon ist im Kuratorium des Oberbürgermeisters für die Hauptstadtbewerbung nichts abgebildet. Und wenn Dresden dann etwas dagegensetzt, dann wird es ein großes Fressen und Saufen. Wenn man umstrittene Kunst sehen will – da muss man auf die andere Elbseite gehen. Dort gibt es eine bunte freie Kulturszene und eine unterfinanzierte Gegenkultur.

Das Hauptstadtbüro hat die Aufgabe, die Akteure einzuordnen, um sie für die Ausrichter verwertbar zu machen, um sie systemkompatibel vermarkten zu können. Auf der einen Elbseite feiert die Bildungselite und stellt das erworbene Bildungskapital zur Schau und auf der anderen Elbseite ist Kultur mit Ausgrenzung verbunden. Widerstand und alternative Projekte können nur von Untern wachsen. Die missliche Lebenslage der Kulturschaffenden und das blinde Akzeptieren der schwierigen sozialen Situation ist ein unhaltbarer Zustand in
der Bundesrepublik.

Wir fordern:
– die Einbeziehung der freien Kulturszene und der Gegenkultur in die Hauptstadtbewerbung
– die finanziellen Mittel in die Hände der Künstler und nicht in den Apparat
– Förderung von Selbstermächtigung statt profitables Geschäftsmodell Hauptstadtbewerbung
– Basisförderung der freien Träger statt der Subvention eigener Großprojekte

Reinhard Zabka

Siehe auch:
WuKaMenta 2018 — Kurzkonzept
Reinhard Zabka

Dresden sagt WuKaMenta ab
Richard von Gigantikow, 4. April 2018

Offener Brief zur Absage der WuKaMenta 2018
Reinhard Zabka, 5. April 2018

Aus für die Wukamenta?
Juliane Richter, sz-online.de, 6. April 2018

Der drohende WuKaMenta-Skandal
Thomas Beier, 29. März 2018

Foto: André Wirsig

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