Radebeuler Kunstpreis 2016

Dr. Susanne Köstering, Geschäftsführerin des Museumsverbandes Brandenburg, zur Verleihung des Kunstpreises an Reinhard Zabka am 15. 10. 2016:

„Sehr geehrter Herr Wendsche,

lieber Herr Zabka, liebe Frau Zabka,

Sehr geehrte Festgäste, liebe Freundinnen und Freunde der Kunst,

ich danke für die Ehre, anlässlich der Verleihung des Radebeuler Kunstpreises an Reinhard Zabka eine Laudatio sprechen zu dürfen. Meine kurze Rede besteht aus drei Teilen.

  1. Das Museum

1980 kauft Zabka eine alte Landarbeiterkate in Babe, einem Dorf im abgeschiedenen brandenburgischen Rhinluch. In diesem Künstlerhaus „erträumt“ er das Lügenmuseum als eine Wunderkammer mit skurrilen Objekten, die wie ein kleiner Wanderzirkus auf Wagen und Schlitten umherziehen.

1990 ist das Lügenmuseum dann tatsächlich in der Welt. Und heute ist es hier in Radebeul- Serkowitz.

Das Lügenmuseum spielt mit Wahrheit und Täuschung in einer Welt der Illusion. Wie ich es im Gutshaus Gantikow kennen gelernt habe, bestand es aus der Ausstellung mit Zabkas Kunstobjekten, den Installationen, Video- und Audioinszenierungen, einem im Rahmen internationaler Künstlersymposien und freiwilliger Sommercamps wachsenden Natur- und Kunstgarten, einer Freskogalerie an der Fassade des Gutshauses, die das Museum nach außen zu einem „Hingucker“ machte, und dem Seminarhaus mit Raumgestaltung nach seinen Entwürfen. An vielen Dingen hatten andere Künstlerinnen und Künstler mitgewirkt, aber Zabka führte die Regie.

Eine Besucherin hat das Lügenmuseum einmal als „Wunderhaus“ bezeichnet. Die Kunst- und Wunderkammer des 17./18. Jahrhunderts mit Gefundenem aus aller Welt und aller Zeit ersteht hier immer wieder neu. Alles ist zum Staunen: Ungesehenes, Unerhörtes, Nie Gekanntes. Menschengemachtes und Naturalien werden zu hintersinnig-sinnigen oder auch sinnfreien Objekten, die sich bewegen, die Geräusche und Klänge von sich geben, die leuchten, blinken und funkeln, die rattern, ruckeln, zuckeln oder leise klingeln, wie eigensinnige Wesen oder von solchen bewohnte Gehäuse.

Im Museum erzählt jedes Ding seine Geschichte. Hier führen die Dinge geheimnisvolle Theaterstücke auf, mal schaurig, mal lustig, mal mystisch, dann wieder ironisch – und immer poetisch.

Das ist schon außergewöhnlich und vor allem: erfrischend und inspirierend. Insofern war der brandenburgische Museumsverband immer stolz auf „sein“ Lügenmuseum in Gantikow: Als 1995 dem Verbandsvorstand der Aufnahmeantrag vorgelegt wurde, in dem es hieß: Emma von Hohenbüssow, 122 Jahre alt – ein Abbild zeigte ein italienisches Zwerghuhn – beantragt die Mitgliedschaft für das von ihr 1884 gegründete Lügenmuseum. Da sprang der Leiter des Potsdamer Naturkundemuseums auf: „Hühner können keine 122 Jahre alt werden!“ Schallendes Gelächter, die Aufnahme in die Museumscommunity war besiegelt. Wir haben es nie bereut, sondern im Gegenteil immer Freude an unserem Mitglied Lügenmuseum gehabt. Denn wir brauchen solche Museen, die mit Leichtigkeit Gedanken und Gefühle freisetzen und Neugier wecken.

Bald bemerkten auch die umliegenden Gemeinden, dass sie vom Zustrom der Museumsbesucher profitierten, nicht allein in Hinblick auf die Frequentierung von Herbergen und Gasthäusern in der Umgebung, sondern auch – so erstaunlich es auf den ersten Blick scheint – auf das Image der ländlichen Region. Diese barg plötzlich einen überraschend kreativen, offenen Raum, der gastfreundlich war und die Phantasie anregte. Nicht wenige Besucher verließen das Haus mit einem Schmunzeln und einer Heiterkeit, die lange nachwirkte. Und empfahlen es Freunden und Bekannten weiter. Man musste es einfach gesehen haben und dorthin pilgern.

  1. Wanderschaft

Die Wanderschaft zieht sich wie ein Roter Faden durch die Biografie des Lügenmuseums.

In Babe 1990 gegründet, zog es sieben Jahre später nach Gantikow und wiederum 14 Jahre später nach Radebeul. Traut man der mathematischen Reihe, wird es hier wohl 28 Jahre lang bleiben und dann weiterwandern.

Die Wanderschaft wohnt auch den Kunstwerken selbst inne: Oftmals sind es mobile Objekte, auch Reiseattribute wie Koffer, Wanderapotheken oder Wanderschuhe (Fontane!). Sie erzählen Geschichten von glücklichen Überfahrten oder Schiffbrüchen, wie Märchenerzähler unserer Lebensreise. Eine wundersame Form nehmen sie als begehbare Labyrinthe an. Labyrinthe leiten durch Irrungen und Wirrungen zur Mitte. Als ich 2009 das „Labyrinth der Wende“ in der St.-Marien-Kirche in Frankfurt/Oder sah, das Zabka zusammen mit anderen Künstlern gebaut hatte, war ich wie bezaubert. Aus banalen Obstkistenbrettern und Palettenholz (rosa angestrichen, Brandschutzfarbe!) hatte er ein fragiles Gebilde geschaffen, das wie selbstverständlich durch das Kirchenschiff mäanderte und den Fluss der flanierenden Menschen begleitete. Auch den Dachboden des kleinen Stadtmuseums in Eberswalde verwandelte er 1989 zeitweise in ein Labyrinth der Erinnerung: Die Menschen waren fasziniert. Diese Labyrinthe existieren nur für kurze Zeit. Unter offenem Himmel gehen sie schließlich furios in Flammen auf. Werden und Vergehen.

Die Wanderschaft prägt auch das Leben des Künstlers Reinhard Zabka alias Richard von Gigantikow: geboren 1950 in Erfurt als Sohn von Flüchtlingen aus Schlesien und Ostpreußen, entwickelt er sich ab 1968 schnell zum Oppositionellen. Seine Bewegungsfreiheit wird eingeschränkt: Er darf Erfurt nicht verlassen, muss sich wöchentlich bei der Polizei melden. Die Bewegung der evangelischen Kirche von unten bietet zeitweise Heimat, auch Freunde, mit denen er eine fiktive Kommune gründet. Er will ausreisen, aber sein Ausreiseantrag wird abgelehnt. Er verlegt seinen Wandertrieb in Kopf und Hand und beginnt zu malen. Zieht 1976 nach Berlin und teilt sich mit seinem künstlerischen Freund Albrecht Hillemann ein Atelier, sie experimentieren mit Siebdruck und bauen Skulpturen aus Fundsachen. Seit Mitte der 80er Jahre geht es los mit Straßenfesten, Straßenkunstaktionen, illegalen Veranstaltungen. Zabka hat nun sein eigenes Atelier, er macht mit beim Bödikerclub im Friedrichshain, gründet den „Club ohne Raum“, entwickelt sich zum subversiven Kunstjudoka. Während einer kurzen Zeit als Mitglied im Verband Bildender Künstler der DDR beteiligt er sich – mit anderen randständigen Künstlern – an einer Bezirkskunstausstellung am Alexanderplatz, und an weiteren Ausstellungen in Berlin, Dresden und Frankfurt/Oder. 1985 nimmt er an einer Personalausstellung  teil, die vom Evangelischen Kunstdienst organisiert wird, und stellt im Treppenhaus des Berliner Doms seine Installation „Götzen – Ismen – Fetische“ auf. 35.000 Besucher sehen das. Wenn er sich am Ende der DDR an Ausstellungen beteiligen durfte, dann nicht, weil die Staatsvertreter liberaler wurden, sondern weil sie die Übersicht verloren hatten,  wie ein Beobachter einmal feststellte. Sie merkten, dass seine Kunst subversiv war, konnten aber das Subversive darin nicht richtig dingfest machen.

Nach 1989 kann er endlich zum Weltkünstler werden, der er eigentlich immer schon war.

Die lange erträumte Reise nach Bali ist die Initialzündung für seine nunmehr globalen Aktivitäten. Von seinem Basislager Lügenmuseum aus zieht er durch die Welt. Er stellt in Indonesien, Thailand, Burma, Italien, Frankreich und auf den Philippinen aus und veranstaltet dort gemeinsam mit lokalen Künstlern soziale Kunstaktionen im öffentlichen Raum. Inspirationen aus anderen Weltgegenden bringt er nach Deutschland zurück, zum Beispiel auf den Neumarkt in Dresden, wo sich im vergangenen Sommer zum ersten Mal die „WuKaMenta“ niederließ, eine künstlerische Interaktion mit Menschen im öffentlichen Raum.

  1. Das Ziel der Reise

Zabkas Kunst kreist um Menschheitsthemen: das Rätsel, das Geheimnis, die Erinnerung, die Illusionen des Lebens und die Beseeltheit der Welt, und nicht zuletzt die Heiterkeit, die Freude.

Seine Kunst erreicht deshalb Menschen aller Weltgegenden, aller Altersgruppen und aller sozialen Milieus. Auch wer seine Kunst nicht versteht, öffnet ihr sein Herz. Sie setzt nicht nur die Phantasie der Betrachtenden frei, sondern auch deren eigene Gewitztheit.

Kürzlich konnte ich das live verfolgen. Zabkas Installationen waren zu Besuch im Berliner Martin-Gropius-Bau (Ausstellung „Gegenstimmen. Kunst in der DDR 1976-1989“). Ich habe die Besucher im Gropius-Bau beobachtet. Sie bildeten in der betreffenden Raumecke einen kleinen Pulk, schauten, staunten, lächelten, hielten inne. Hielten lange inne. Hielten sehr lange inne. Sie zeigten alle Merkmale konzentrierter Wahrnehmung. Die Aufmerksamkeit der Betrachter als das Ziel des Museums.

Die künstlerische Reise führt am Ende in den Geist und in das Herz der Betrachtenden.

Und da kommen Sie an. Dafür danke ich Ihnen, Herr Zabka, und ich gratuliere Ihnen herzlich zu  Ihrer heutigen Ehrung.“

Radebeul, 15. 10. 2016

14711210_710127519135979_8885252041827901987_o

Laudatio von Dr. Susanne Köstering, Geschäftsführerin des Museumsverbandes Brandenburg. Foto: André Wirsig

14753769_710127422469322_5189780256942348094_o

Musikalische Umrahmung durch Inéz Schäfer und Jan Heinke als Sammeltonium Wunderland. Foto: André Wirsig

14500635_710127555802642_6639932841703914603_o

Verleihung des Kunstpreises der Großen Kreisstadt Radebeul an Reinhard Zabka am 15. Oktober 2016 im Weinkeller auf Schloss Wackerbarth. Foto: André Wirsig

Verleihung des Kunstpreises der Großen Kreisstadt Radebeul an Reinhard Zabka am 15. Oktober 2016 im Weinkeller auf Schloss Wackerbarth. Foto: André Wirsig

Fotos: André Wirsig​

Editorial 11-16 Von Ilona Rau. Vorschau & Rückblick Nov. 2016

Kulturpreis für Gründer des Lügenmuseums. Vom Nina Schirmer. Sächsische Zeitung 14.10.2016

Der Ideenmillionär aus Radebeul. Von André Schramm. Wochenkurier 19.10.2016

Share this Post